Osteotomie
Eine Osteotomie ist ein operativer Eingriff, bei dem gezielt Knochen durchtrennt, herausgenommen oder in seiner Position verändert wird. In der Zahnmedizin und Kieferchirurgie meint Osteotomie meist die Durchtrennung von Knochen im Bereich von Kiefer oder Gesichtsschädel, um Zähne oder Kiefer besser behandeln, verlagern oder entfernen zu können. Osteotomien sind planbare, kontrollierte Eingriffe und unterscheiden sich deutlich von Knochenbrüchen durch Unfälle.
Begriff und Grundprinzip
„Osteo“ bedeutet Knochen, „tomie“ bedeutet Schnitt. Bei einer Osteotomie wird der Knochen mit speziellen Instrumenten (z. B. Sägen, Fräsen, Meißeln oder piezochirurgischen Geräten) in einer genau geplanten Linie oder Form durchtrennt. Anschließend wird das Knochenstück entweder entfernt (z. B. bei einer Osteotomie zur Zahnentfernung) oder in eine neue Position gebracht und mit Platten, Schrauben oder Drähten fixiert (z. B. bei Kieferumstellungen).
Die Knochenheilung nach einer Osteotomie ähnelt der Heilung nach einem Bruch: Der Körper bildet neuen Knochen und stabilisiert die Stelle über Wochen bis Monate.
Osteotomie in der Zahnmedizin und Kieferchirurgie:
Typische Anwendungsgebiete
In der Mund‑, Kiefer‑ und Gesichtschirurgie trifft man Osteotomien vor allem in folgenden Situationen:
Entfernung von retinierten oder verlagerten Zähnen Retinierte Zähne (z. B. Weisheitszähne), die im Knochen feststecken oder ungünstig liegen, lassen sich häufig nicht einfach „ziehen“. Dann wird mithilfe einer Osteotomie gezielt Knochen über dem Zahn abgetragen, um Zugang zu schaffen. Anschließend kann der Zahn ganz oder in Teilen entfernt werden. Der Eingriff wird meist in örtlicher Betäubung durchgeführt, auf Wunsch auch in Sedierung oder Narkose.
Korrekturen von Kieferfehlstellungen (Dysgnathiechirurgie) Bei ausgeprägten Biss- oder Kieferfehlstellungen (z. B. stark vorstehender Unterkiefer, zurückliegender Unterkiefer, schmaler Oberkiefer, offener Biss) reichen Zahnspangen allein oft nicht aus. Dann werden sogenannte Umstellungsosteotomien (z. B. sagittale Spaltung des Unterkiefers, Le-Fort-I-Osteotomie am Oberkiefer) eingesetzt. Dabei wird der Kieferknochen an definierten Stellen durchtrennt, in eine neue Position verschoben und mit Platten und Schrauben fixiert. Vor- und nachher erfolgt fast immer eine kieferorthopädische Behandlung.
Knochenaufbau und Vorbereitung für Implantate Wenn im Kieferknochen zu wenig Höhe oder Breite vorhanden ist, kann eine Osteotomie Teil des Knochenaufbaus sein. Beispiele: – Sinuslift: Im Oberkieferseitenzahnbereich wird an der Kieferhöhlenwand eine Knochenöffnung geschaffen (Osteotomie), die Kieferhöhlenschleimhaut angehoben und Knochenmaterial eingebracht, um später Implantate setzen zu können. – Spaltung oder Dehnung des Knochens (Bone Splitting / Bone Spreading): Ein zu schmaler Kieferkamm wird mittels Osteotomie vorsichtig gespreizt, um mehr Platz für Implantate zu schaffen.
Korrekturen von Kiefer- und Gesichtsschäden Nach Unfällen, Fehlentwicklungen oder Tumoroperationen kann es notwendig sein, Knochensegmente neu zu positionieren, zu verkleinern, zu vergrößern oder umzubauen. Osteotomien machen es möglich, die Form des Kiefers oder des Gesichtes funktionell und ästhetisch zu verbessern.
Freilegung bestimmter Strukturen Gelegentlich werden Osteotomien eingesetzt, um Zugang zu tief liegenden Strukturen zu erhalten, etwa bei Wurzelspitzenresektionen an schwer zugänglichen Wurzeln oder bei speziellen Eingriffen im Kieferhöhlenbereich.
Ablauf einer Osteotomie
Der genaue Ablauf hängt stark von Art und Umfang des Eingriffs ab. Grundsätzlich lässt er sich in folgende Schritte gliedern:
Planung: Vor einer Osteotomie werden klinische Untersuchung, Röntgenbilder (z. B. OPG) und oft dreidimensionale Bildgebung (DVT/CT) durchgeführt. Bei Kieferumstellungen erfolgt zusätzlich eine umfangreiche funktionelle und kieferorthopädische Analyse. Auf dieser Grundlage wird der Schnittverlauf im Knochen genau geplant.
Anästhesie: Kleinere knöcherne Eingriffe (z. B. Weisheitszahnentfernung) erfolgen meist in lokaler Betäubung. Größere Osteotomien, etwa zur Kieferumstellung oder komplexe Knochenaufbauten, werden unter Vollnarkose oder Sedierung durchgeführt.
Zugang: Über einen Schleimhautschnitt, meist im Mundinneren (um sichtbare Narben zu vermeiden), wird der Knochen freigelegt. Weichgewebe wird vorsichtig zur Seite gehalten, wichtige Nerven und Gefäße werden geschont.
Knochenschnitt: Mit rotierenden Instrumenten, oszillierenden Sägen oder piezochirurgischen Geräten wird der Knochen entlang der geplanten Linien durchtrennt. Bei Umstellungen wird das gelöste Segment in die neue Position gebracht, bei Freilegungen wird Knochen abgetragen, um Zugang zu schaffen.
Fixierung und Verschluss: Verschobene Knochenteile werden in der neuen Position mit Miniplatten und Schrauben oder Drähten fixiert. Anschließend werden die Weichgewebe wieder adaptierend vernäht. Die im Knochen verbliebenen Platten und Schrauben müssen nicht immer entfernt werden; dies hängt von Material, Lage und Beschwerden ab.
Heilung: Die erste Heilungsphase dauert meist einige Wochen. Während dieser Zeit sind Schonung, angepasste Ernährung (weiche oder pürierte Kost), gute Mundhygiene und Kontrollen wichtig. Die vollständige Knochenheilung dauert in der Regel mehrere Monate.
Mögliche Risiken und Komplikationen
Wie jeder operative Eingriff birgt auch eine Osteotomie Risiken. Dazu gehören:
– Schwellung und Schmerzen im Operationsgebiet, die typischerweise in den ersten Tagen am stärksten sind und dann abklingen. – Blutergüsse (Hämatome) im Gesichts- und Halsbereich. – Wundinfektionen oder Entzündungen, insbesondere wenn die Mundhygiene eingeschränkt ist oder vorbestehende Infektionen vorliegen. – Gefühlsstörungen durch Reizung oder Verletzung von Nerven (z. B. Taubheitsgefühl der Lippe, des Kinns oder der Zunge). Diese sind häufig vorübergehend, in seltenen Fällen können sie dauerhaft sein. – Störungen der Knochenheilung, etwa verzögerte Heilung oder selten eine Pseudarthrose (fehlende knöcherne Durchbauung). – Lockerung oder Bruch von Platten und Schrauben. – Bei Kieferumstellungen: vorübergehende Beeinträchtigung von Biss, Kauen und Sprechen, selten Stabilitätsprobleme oder Rückwanderung in die ursprüngliche Position.
Eine sorgfältige Planung, moderne Operationstechniken und konsequente Nachsorge senken das Risiko von Komplikationen deutlich.
Nach der Operation: Verhalten und Nachsorge
Was genau nach einer Osteotomie zu beachten ist, hängt von der Art des Eingriffs ab. Häufige Empfehlungen sind:
– Kühlung von außen in den ersten 1–2 Tagen zur Schwellungsreduktion (z. B. Kühlpacks in ein Tuch gewickelt). – Kopf hochlagern beim Schlafen, um Schwellung zu verringern. – Weiche, nicht zu heiße Kost, keine harten oder krümeligen Speisen, die Druck oder Verletzungen verursachen könnten. – Verzicht auf Rauchen und Alkohol, da beides die Wundheilung verschlechtert. – Gründliche, aber vorsichtige Mundhygiene, oft unterstützt durch antiseptische Spüllösungen (z. B. mit Chlorhexidin) für einen begrenzten Zeitraum. – Einnahme der verordneten Schmerzmittel und, falls nötig, Antibiotika genau nach Anweisung. – Wahrnehmen der Kontrolltermine zur Überprüfung von Wundheilung, Knochenstellung und gegebenenfalls zum Fadenzug.
Wann ist eine Osteotomie sinnvoll oder notwendig?
Osteotomien werden nicht „zur Sicherheit“, sondern nur dann durchgeführt, wenn der erwartete Nutzen größer ist als das Operationsrisiko und andere, weniger invasive Maßnahmen nicht ausreichen. Das ist zum Beispiel der Fall bei:
– Verlagerter oder retinierter Weisheitszahn mit Schmerzen, Entzündung oder Schädigung des Nachbarzahns. – Schwere Kieferfehlstellungen mit funktionellen Problemen (Kauen, Sprechen, Atmung) oder deutlicher ästhetischer Beeinträchtigung, die rein kieferorthopädisch nicht lösbar sind. – Geplantem Implantat bei unzureichendem Knochenangebot, wenn alternative Lösungen (z. B. kürzere Implantate, andere Positionen) nicht sinnvoll sind. – Korrektur von Fehlstellungen oder Defekten nach Unfall oder Tumoroperation.
Entscheidungsfindung und Aufklärung
Vor einer Osteotomie erfolgt immer ein ausführliches Aufklärungsgespräch. Dabei werden die Diagnose, Behandlungsziele, alternative Therapieoptionen, der genaue Ablauf, die Art der Betäubung, mögliche Risiken, Schmerzen, Heilungsverlauf und die voraussichtliche Dauer der Arbeits- bzw. Schulunfähigkeit erläutert. Insbesondere bei Kieferumstellungen werden auch Veränderungen des Gesichtsprofils, mögliche Gefühlsstörungen und die Notwendigkeit einer mehrstufigen Behandlung besprochen.
Für Patientinnen und Patienten ist es wichtig, alle offenen Fragen zu klären, zum Beispiel: – Welche Vorteile bietet mir der Eingriff konkret? – Welche Risiken und Nebenwirkungen sind in meinem speziellen Fall zu erwarten? – Wie lange dauert die Heilung, und womit muss ich im Alltag rechnen? – Welche Alternativen gibt es, und welche Vor- und Nachteile haben diese?
Zusammenfassung
Die Osteotomie ist ein chirurgisches Verfahren, bei dem Knochen gezielt durchtrennt und bei Bedarf neu positioniert oder teilweise entfernt wird. In der Zahnmedizin und Kieferchirurgie ist sie ein zentrales Werkzeug, um verlagerten Zähnen Zugang zu verschaffen, Kieferfehlstellungen zu korrigieren, Knochen für Implantate aufzubauen oder Fehlstellungen nach Unfällen zu beheben. Dank moderner Bildgebung, schonender Operationstechniken und stabiler Fixationssysteme lässt sich die Knochenheilung in der Regel gut steuern. Entscheidend für den Erfolg sind eine sorgfältige Planung, eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung, eine konsequente Nachsorge und eine gute Zusammenarbeit zwischen Patient und Behandlungsteam.