Periost
Das Periost, im Deutschen auch als Knochenhaut bezeichnet, ist eine dünne, aber extrem leistungsfähige Gewebeschicht, die alle Knochen des menschlichen Körpers – und damit auch den Ober- und Unterkiefer – wie eine schützende Hülle überzieht. Lediglich die Gelenkflächen, die mit Knorpel bedeckt sind, und die Stellen, an denen Sehnen oder Bänder direkt in den Knochen einstrahlen, besitzen kein Periost. In der Zahnmedizin und Oralchirurgie spielt das Periost eine Schlüsselrolle, da es maßgeblich für die Ernährung des Knochens, die Heilung nach Operationen und das Schmerzempfinden bei Eingriffen verantwortlich ist.
Aufbau und Struktur
Das Periost ist keine einfache Membran, sondern ein komplex aufgebautes System aus zwei Schichten mit unterschiedlichen Aufgaben.
Die äußere Schicht (Stratum fibrosum) besteht aus festem, kollagenreichem Bindegewebe. Sie dient primär dem Schutz und der Stabilität. In dieser Schicht verlaufen zahlreiche Blutgefäße und Nervenfasern. Über sogenannte Sharpey-Fasern ist das Periost fest im darunterliegenden Knochen verankert, sodass es nicht einfach verrutschen kann.
Die innere Schicht (Stratum osteogenicum) liegt direkt dem Knochen auf und ist reich an Zellen. Hier befinden sich unter anderem Stammzellen, die sich bei Bedarf in knochenbildende Zellen (Osteoblasten) umwandeln können. Diese Schicht ist der Motor für das Dickenwachstum der Knochen im Kindesalter und für die Regeneration nach Verletzungen oder Operationen im Erwachsenenalter.
Funktionen des Periosts
Die Knochenhaut erfüllt vier lebenswichtige Funktionen für das Skelettsystem und den Kieferapparat:
Ernährung: Das Periost ist von einem dichten Netz aus Blutgefäßen durchzogen. Diese Gefäße dringen in den Knochen ein und versorgen die Knochenzellen mit Sauerstoff und Nährstoffen. Wird das Periost großflächig vom Knochen getrennt oder beschädigt, kann die Versorgung des darunterliegenden Knochens beeinträchtigt werden.
Schutz und Regeneration: Bei einem Knochenbruch oder nach einer chirurgischen Osteotomie werden die Zellen in der inneren Schicht des Periosts aktiv. Sie bilden neues Knochengewebe (Kallus), das den Defekt überbrückt und den Knochen wieder stabilisiert. Ohne ein funktionierendes Periost wäre eine natürliche Knochenheilung kaum möglich.
Schmerzleitung: Während der Knochen selbst im Inneren kaum schmerzempfindlich ist, ist das Periost extrem dicht mit sensiblen Nervenenden versorgt. Dies erklärt, warum Verletzungen am Knochen oder Entzündungen der Knochenhaut (Periostitis) als außerordentlich schmerzhaft empfunden werden. Auch der typische Druckschmerz bei einer fortgeschrittenen Zahnwurzelentzündung entsteht oft erst, wenn die Entzündung das Periost erreicht.
Kraftübertragung: Sehnen und Bänder setzen häufig am Periost an. Die festen Fasern leiten die Zugkräfte der Muskulatur über die Knochenhaut direkt in die Knochenstruktur weiter, was Bewegungen erst ermöglicht.
Bedeutung in der Zahnmedizin und Oralchirurgie
In der täglichen zahnärztlichen Praxis begegnet uns das Periost in vielen Situationen, insbesondere bei chirurgischen Eingriffen.
Bei Operationen wie der Entfernung von Weisheitszähnen, Wurzelspitzenresektionen oder dem Setzen von Implantaten muss der Zahnarzt oft Zugang zum Kieferknochen erhalten. Dazu wird ein sogenannter Mukoperiostlappen gebildet. Dabei werden die Schleimhaut (Muko) und die Knochenhaut (Periost) gemeinsam vorsichtig vom Knochen abgehoben. Nach dem Eingriff wird dieser Lappen wieder zurückgelegt und vernäht. Die Unversehrtheit des Periosts ist dabei entscheidend für eine schnelle und komplikationslose Wundheilung.
In der Implantologie und beim Knochenaufbau nutzt man die regenerativen Fähigkeiten des Periosts. Bei Techniken wie der gesteuerten Geweberegeneration (GTR) oder dem Knochenaufbau dient das Periost als natürliche Barriere und Quelle für knochenbildende Zellen. Manchmal wird das Periost gezielt geschlitzt (Periostschlitzung), um die Beweglichkeit der Schleimhaut zu erhöhen und eine spannungsfreie Naht über einem aufgebauten Knochenareal zu ermöglichen.
Erkrankungen des Periosts
Die häufigste Erkrankung ist die Periostitis, die Knochenhautentzündung. Im Kieferbereich entsteht sie meist als Folge einer bakteriellen Infektion, die von einem kranken Zahn ausgeht. Wenn eine Entzündung an der Wurzelspitze nicht behandelt wird, können die Bakterien durch den Knochen bis unter die Knochenhaut wandern.
Symptome einer Periostitis im Kieferbereich sind starke, oft pulsierende Schmerzen, eine deutliche Schwellung (die klassische dicke Backe), Rötung der Schleimhaut und Druckempfindlichkeit des betroffenen Bereichs. In schweren Fällen kann sich Eiter unter der Knochenhaut sammeln (subperiostaler Abszess), was einen zahnärztlichen Notfall darstellt. Die Behandlung besteht meist in der Eröffnung des Abszesses, der Beseitigung der Ursache (z. B. Wurzelbehandlung oder Zahnentfernung) und gegebenenfalls der Gabe von Antibiotika.
Heilung und Pflege nach Eingriffen
Nach einem chirurgischen Eingriff, bei dem das Periost gelöst wurde, ist Schonung oberstes Gebot. Da das Periost die Blutversorgung des Knochens sicherstellt, fördern Maßnahmen wie vorsichtige Kühlung und der Verzicht auf Rauchen die Heilung. Nikotin verengt die feinen Gefäße im Periost massiv, was das Risiko für Wundheilungsstörungen und Knocheninfektionen drastisch erhöht.
Wann zum Arzt?
Sollten nach einer Zahnbehandlung oder unabhängig davon starke, klopfende Schmerzen auftreten, die mit einer Schwellung oder Fieber einhergehen, ist das Periost oft mitbetroffen. Auch eine tastbare, schmerzhafte Vorwölbung am Kieferknochen sollte immer untersucht werden. Da das Periost die letzte Barriere vor dem Knochenmark darstellt, ist eine frühzeitige Behandlung wichtig, um eine Ausbreitung der Infektion auf den gesamten Knochen (Osteomyelitis) zu verhindern.
Zusammenfassung
Das Periost ist weit mehr als nur eine Haut; es ist das Versorgungszentrum und die Reparaturwerkstatt unserer Knochen. In der Zahnmedizin ermöglicht es komplexe chirurgische Eingriffe und sorgt dafür, dass der Kieferknochen nach Belastungen oder Verletzungen regenerieren kann. Seine hohe Schmerzempfindlichkeit dient als wichtiges Warnsystem des Körpers. Eine gesunde Knochenhaut ist die Grundvoraussetzung für fest sitzende Zähne, erfolgreiche Implantate und eine schnelle Heilung nach oralchirurgischen Eingriffen.